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Die Kunst im Zeitalter der Unzumutbarkeit

Sunday, Dec. 03, 2006 - 14:14

Wir haben einen Stalker.

Was anderswo vermutlich zu sorgenvollem Abschließen der Eingangstüren, Einlasskontrollen oder zumindest gelegentlichen Über-die-Schulterblicken führen würde, macht mich in diesem Kontext zumindest ein klein wenig stolz: Wir sind wichtig genug, um einen eigenen Psycho anzuziehen. Und der geht nicht mehr weg.

Fangen wir vorne an. In den letzten Tagen hat meine seit Monaten in der Umsetzung befindliche Operation Einmannunternehmen arg gelitten. Das lag weniger an der desolaten Auftragslage, der man ja mit ein wenig gezielter Akquise zumindest tendentiell entgegenwirken könnte, sondern an der Tatsache, dass ich durch andere Aktivität ausgelastet bin. Nämlich durch diese. Ich bin Mitarbeiter und Presse-Dude eines in Mainz abgehaltenen Filmfestivals, das seit Mittwoch und bis einschließlich heute in gleich drei Kinos und zahlreichen Nebenschauplätzen parallel stattfindet. Das ist fordernd, das macht Spaß, und das frisst derzeit so ziemlich den Großteil meines Tages, auch wenn es durch die Natur der Sache bedingt erst am späteren Nachmittag anfängt (und dann aber bis in die spääääte Nacht geht!).

Ich besetze den Info-Counter und bin Ansprechpartner für alle möglichen VIPs und Presseleute, ich plakatiere Kinoeingänge und -flure, mache Einlasskontrolle, räume Kinosäle nach den Vorstellungen auf, erkläre unseren Gästen den Weg von Hier nach Da usw. Ich telefoniere Presseleuten hinterher und stehe ihnen für eventuelle Vor-Ort-Anfragen Gewehr bei Fuß. Was eben gerade anfällt.

Ist 'ne tolle, intensive Zeit (hey, wenn man sonst den ganzen Tag allein am PC sitzt, ist man schnell beeindruckt bzw. zufrieden), frisst aber wie erwähnt einiges an Zeit auf. Ich bin ehrlich froh, wenn morgen wieder Normalität einkehrt. Im Vorfeld der Veranstaltung beschränkte sich meine Mitarbeit auf vielleicht 1 oder 1 1/2 Tage pro Woche, je näher das Festival kam, desto schneller erhöhte sich aber diese Menge. Momentan mache ich nur wenig anderes.

Ist aber auch ok, denn man knüpft Kontakte, bekommt neue Ansatzmöglichkeiten bzw. -ideen für zukünftige Akquisen (ich hab' noch einiges vor im Dezember...) und lernt neue Leute kennen, denen man potentiell auch mal das liebe Firmenkärtchen anempfehlen kann.

Und man hat echte Erlebnisse, die man selbst den hypothetischen Enkeln noch erzählen kann. Etwa vom Mainzer City-Kino, einem unserer drei Austragungsorte und meinem Haupteinsatzgebiet während des Festivals, in dem wahlweise der Ton oder die Heizung nicht funktioniert und uns allabendlich um den Verstand bringt. Oder vom Kinobetreiber selbst, dem am Donnerstag einer seiner beiden Filmvorführer krank wurde, der sich dann aber nicht weiter darum kümmerte, sodass wir erst am Abend merkten, dass wir eigentlich gar nichts parallel zeigen können (das war ein Spaß...). Von unserer gestrigen Roland-Klick-Galavorstellung mit Sektempfang, rotem Teppich und in Anwesenheit von VIPs ind Filmteam, bei der sich herausstellte, dass die uns zugespielte Kopie des Films beim vorherigen Festival in Saarbrücken gerissen ist, was die Saarländer (aus Angst?) aber niemandem gesagt haben, sodass mitten in unserer Gala auf einmal mehrere Minuten des Filmes fehlten und diesen relativ unverständlich machten. (Ein Mitorganisator sprach in seiner Anmoderation danach auch passend von der "Kunst im Zeitalter der Unzumutbarkeit")

Und man kann von unserem Stalker erzählen. Auf den bin ich echt stolz. Keine Ahnung, wer das ist. So ein bebrillter Typ im roten Sweatshirt. Der kommt jeden Abend und stellt völlig unqualifizierte und relativ sinnfreie Fragen, meint die aber völlig ernst. Chris Kraus, den Regisseur unseres Eröffnungsfilms "Vier Minuten", einer sehr gelungenen Geschichte über eine ungewöhnliche Beziehung zwischen zwei unterschiedlichen Frauen, hat er zettbeh vor vollem Haus gefragt, warum der Film so neonationalsozialistisch sei. Am Folgeabend soll er sich während der Vorstellung lautstark mit den Figuren auf der Leinwand unterhalten haben (da war ich aber nicht selbst dabei). Und gestern, auf unserer Gala, erging er sich ob der Anwesenheit von Regisseur und Hauptdarsteller in exzessivem Namedropping (dem aber niemand folgen konnte - und wollte), zwängte dem Hauptdarsteller sogar einen Handschlag auf und verteilte mitgebrachte Flyer (!!!) an Regisseur und Darsteller. Weiß der Geier, was da drauf stand.
Der Typ hat eine echte Profilneurose.

Was ich mit der ganzen Chose eigentlich sagen will: Das Festival macht großen Spaß. Ich habe viele neue, engagierte und nette Leute kennengelernt und bin von meiner Seite aus durchaus interessiert, diese Beziehungen auch bis zum nächsten Festival aufrecht zu erhalten. Ich habe mal eine schöne Beschäftigungsabwechslung und darf mal wieder mit 'nem Namensschild durch die Gegend rennen und so tun, als sei ich wichtig. Mach' ich ja immer gerne, sowas. (Soviel zum Thema Profilneurose, jaja.)

Und heute abend endet es. Danach wird nochmal im großen Kreis und mit der hehren Prominenz Abschied gefeiert (sprich: Kontakte geknüpft, gefestigt und repräsentiert), dann wird halbwegs ausgeschlafen. Und morgen freue ich mich ehrlich darauf, endlich wieder vor drei Uhr nachts ins Bett zu kommen. Auf Dauer ist das nämlich ziemlich unproduktiv. Aber cool.

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