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The Wonderful World Of Make-Believe Thursday, Nov. 23, 2006 - 09:51 Liebe Redaktion von Spiegel Online, checkt mal wieder Eure Quellen: Das Buch ist eingestampft, und das ist gut so! Das TV-Interview längst wieder in den Giftschrank gewandert. Und beides wird niemals nicht erscheinen, ganz ehrlich. Ihr scheint das noch nicht mitbekommen zu haben, darum schreibe ich Euch das. Alle anderen Kinder haben längst entsprechende Meldungen am Start, nur Ihr noch immer nicht... Schön, dass es selbst im Boulevard immer noch Grenzen gibt, die nicht überschritten werden. Beziehungsweise, bei denen sich das Medium selbst reguliert, bevor der anvisierte Schaden zu groß wird. Stellt Euch das doch mal vor: Da meldet sich ein - machen wir uns nichts vor - unzweifelhaft schuldiger, aber freigesprochen und somit "faktisch" unschuldiger Doppelmörder elf Jahre nach seinem Freispruch plötzlich und unerwartet (und natürlich rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft) mit einem Buch wieder, in dem er, so die Inhaltsbeschreibung, die beiden Morde ausführlich und minutiös beschreibt. Aus seiner Sicht, aus der Sicht des Täters. Und bevor jetzt jemand siegessicher "A-ha!" schreit: Er benutzt dabei den Konjunktiv. "If I Did It" hat O.J. Simpson (oder seine Boulevard erfahrene Lektorin, auf deren Mist die gesamte Aktion ursprünglich gewachsen ist, das Buch genannt und sich selbst damit scheinbare Immunität verliehen. Mit dem "If", "Wenn" als holistischem Präfix vorausgeschickt, verfügt der Ex-Profisportler und Hobbyschauspieler kreative Narrenfreiheit und kann ungeniert und ohne Rücksicht auf irgendwas oder -wen beschreiben, wie es denn gewesen wäre, WENN er 1994 den Mord an seiner Ex-Frau und deren Freund begangen hätte. Eben das Verbrechen, von dem er danach tatsächlich floh, verfolgt von einer ganzen Armada an Polizeifahrzeugen und TV-Hubschraubern. Eben das Verbrechen, für das er dann verhaftet und angeklagt wurde - es folgte ein Prozess, der bis heute seinesgleichen sucht (sorry, Michael Jackson) und der zum multimedialen Ereignis wurde. Viele Menschen (die meisten, um ehrlich zu sein) waren und sind der Meinung, dass Simpson seinen Freispruch nur zwei Faktoren verdankt: der zugegebenermaßen mehr als ineffizient gearbeitet habenden Spurensicherung der Polizei von Los Angeles und der skrupellosen Raffinesse des Anwalt-Gottes Johnny Cochran, aus dem im Nachklapp des Verfahrens selbst eine kleine VIP wurde und der vor Kurzem an Krebs verstarb. Und nun war Simpson wieder da. Mit einem Buch also, in dem der zweifache Vater beschreibt, wie er den Mord an der Mutter seiner Kinder (!) begangen hätte. Wenn er ihn begangen hätte. Würde mich mal interessieren, was die Kinder in späteren Jahren dazu sagen... Aber nein, es hat nicht sollen sein. Rupert Murdoch himself hat die groß angelegte PR-Aktion und die Veröffentlichung selbst abgeblasen, nachdem selbst Starmoderatoren des eigenen Senders (bei dem in diesen Tagen ein Exklusivinterview laufen sollte) vor der Kamera bekannt gaben, Produkt und PR-Kampagne nach Kräften boykottieren zu wollen und Moderatoren von Tochtersendern stolz behaupteten, mit dem Muttersender ja mal überhaupt gar nichts zu tun zu haben. Ein Sturm im Wasserglas also, letztlich, der wieder einmal gezeigt hat, wie der Boulevard funktioniert, wie Medienmacht aussieht, und wie krank manche Menschen doch sind. Ich habe 1994/1995 so gut wie jede Nacht vor der Glotze gehangen und den O.J.-Prozess live auf SkyNews verfolgt (gibt's den Sender überhaupt noch? Schönen Gruß an dieser Stelle, falls ja.) und erinnere mich noch mehr als lebhaft. Auch an all die Trittbrettfahrer und Nebenschauplätze: Larry King, der nach anfänglicher Boulvardresistenz plötzlich zum quotenstärksten Interviewmagazin zum Verfahren (quasi "Popstars - Das Magazin"), bei dem sich nach und nach wirklich alle Beteiligten die Ehre gaben und ihre fünf Minuten Ruhm genossen - übrigens fährt der einstmals so politische Journalist King bis heute sehr gut auf dieser Boulevardschiene. Oder an die allabendliche und durchaus gelungene Prozessverarsche bei Jay Leno - The Dancing Itos, anyone? Ein Zirkus sei der Prozess geworden, hatte der hilflose Staatsanwalt gegen Ende dem überforderten Richter vorgeworfen. Hier kam nun also eine späte Zugabe, die dann aber doch kaum jemand goutieren durfte. Außer natürlich O.J. Simpson, der sein Autorenhonorar einstreicht, scheißegal ob was publiziert wird oder nicht. Und der das Geld für die Ausbildung seiner Kinder verwenden will. Der Kinder also, über deren Mutter Ermordung er in dem Buch geschrieben hatte. Detailliert. Sogar ihr Winseln um Gnade, so die Pressemeldung, sei zitiert. Natürlich im Konjuktiv.
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