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Passt schon irgendwie. Hoffe ich.

Tuesday, Sept. 05, 2006 - 20:43

Da wäre ich also wieder. Ein Jahr älter, ein Jahr schlauer? Schwer zu sagen. Von der beruflichen Situation abgesehen, hat sich seit dem letzten 6.9. wenig in meinem Leben getan. Gut, es gab schon noch die ein oder andere Veränderung, auch durchaus größere, aber ich bin immer noch ich. Bin immer noch hier. Hänge, vom normalen Fluktuationswesen eines Lebens in Uninähe abgesehen, immer noch mit den gleichen Leuten rum.

Ich schätze, das ist gut so.

Und es wäre eigentlich auch keine besondere Erwähnung wert, wäre dieses Jahr nicht doch irgendwie etwas besonderes. Und zwar auf eine Weise besonders, über deren „gut“ oder „schlecht“ ich mir noch nicht völlig sicher bin. Vermutlich werde ich das auch nie sein.
Dieses Jahr werde ich – ich zögere ernsthaft, das jetzt „auszusprechen“ (wenn man’s doch nur ignorieren könnte) – 30. Holla, die Waldfee!

Man möge mich nicht falsch verstehen: Die Zahl an sich juckt mich nicht weiter. Ehrlich nicht. Weil ich sie nicht „fühle“. Aber dieser Rattenschwanz an Konnotationen, und wenn sie auch nur meinem eigenen verqueren Denken entspringen, ist schon beachtlich und kann einen ganz schön einschüchtern. Fragt euch doch mal selbst, ob ihr jetzt da seid, wo ihr euch vor Jahren zu sein vorgestellt habt. Ob sich eure „Hmmm... mit 25 bin ich das und das“ und „Mit 28 mache ich...“ auch nur annähernd erfüllt haben. Okay, das ist vielleicht keine faire Frage. Life is what happens while you are making other plans, sagt der Franzose oder so. Aber man kann sie ja auch umdrehen. Fragt euch doch mal selbst, ob ihr euch jetzt eurem Alter angemessen positioniert seht. Ob ihr für euch selbst, fernab von jeglicher Außenwirkung, das Gefühl habt, richtig zu stehen. Euerm Alter angemessen „fertig“ zu sein. Ich komme an Tagen wie diesem regelmäßig ins Grübeln über derartige Dinge.

Dreissig? Wer, ich?!
Das kann nicht sein, das wüsst‘ ich doch.
Von diesem Alter bin ich noch
‘ne schöne Ecke weit entfernt.
Hab‘ längst noch nicht genug gelernt.
Dreissig? Ich nicht.

Zumindest habe ich dieses Gefühl. Klar ist es unfair, seinen Stand im Leben mit den eigenen, längst überholten Vorstellungen früherer Versionen seiner selbst zu vergleichen. Aber Dreissig habe ich mir zumindest doch anders vorgestellt. Erwachsener. Gesetzter. Etablierterer. Sicherer.
„Mein Haus, mein Auto, mein Boot.“ Oder sowas – ich meine das nicht materialistisch, sondern in Sachen ... wie soll man das nennen ... Etablierung. Standfestigkeit. Macht das für irgendwen außer mir überhaupt Sinn, was ich hier schreibe?
Ich meine einfach: Man macht sich doch so seine Gedanken. Von mir aus auch seine Lebensplanung, wenn ihr so ein unnötig schweres Wort bevorzugt. Und dann kommen und gehen die Jahre, man erreicht einen numerischen Meilenstein wie diesen morgen, und dann vergleicht man mal.

Beruf: struggling freelancer. Betonung liegt dabei ganz klar auf struggling.
Familienstand: ledig. War auch schonmal mehr los.
Kinder: keine
Einkommen: prust

Ist nicht weiter wild. Situationen kommen und gehen, das war immer so und bleibt es auch. Aber dennoch habe ich das Gefühl, dass heute zählt. Dass heute gemessen und verglichen wird. My very own penis contest.

So bist du drauf –
Was soll das heißen: steht im Pass?
Mein lieber Freund, jetzt hört der Spass
Langsam mal auf. Schau dich doch um:
Ich kann nicht so alt sein, darum
Gib’s einfach auf.

Nicht, dass ich mit meinem Hier und Jetzt allzu unzufrieden wäre. Ganz und gar nicht! Die Freiberuflereuphorie hält nach wie vor an, gekoppelt mit der Gewissheit, dass es mir seit zwei Jahren nicht mehr so gut gegangen ist wie jetzt. Das ist schon okay so. Klar ist da noch einiges ausbaufähig, aber Rom wurde ja auch nicht schlüsselfertig geliefert. Und auch wenn manche Straße länger auf sich warten lässt als die andere, mache ich mir deswegen (meistens) keinen Kopf.
Und dennoch hab‘ ich mir Dreissig anders vorgestellt. Nein: Hab‘ ich mir mich mit dreissig anders vorgestellt. Ich fühle mich einfach nicht so alt. Nicht mal ansatzweise.

Morgen abend wird’s eine kleine Feier geben. Nichts großes, das würde mein Geldbeutel derzeit ohnehin nicht gestemmt kriegen, aber ganz unbegossen will ich den Tag dann auch nicht vergehen lassen. Auf die Einladungen zu dieser Feier habe ich geschrieben, dass ich meinen 22. feiere – denn man sei ja immer so jung, wie man sich fühlt. Das war ernst gemeint. So fühle ich mich wirklich.
Okay, mehr Lebenserfahrung und Zipperlein als der durchschnittliche Anfang-Zwanziger hab‘ ich schon, und das ist auch gut und wichtig so. Aber dreissig?? Nee...

Beweisen? Klar:
Wo ist der Traumjob, wo die Frau,
die Kinder und der Wohnungsbau?
Wo ist mein „Hier gehör‘ ich hin“,
wo mein „Ja, so macht alles Sinn“?
Nichts davon da.

Gut, der letzte Satz ist gelogen. Reimt sich halt so schön. Aber der Rest stimmt schon so ungefähr. Hmm...

Vielleicht ist das aber auch das ganze Geheimnis: Das Wissen bzw. die Einsicht, dass da nirgendwo eine Zielglocke schellt, wenn man irgendwo angekommen ist. Dass die Uhr läuft, schnurzegal, wo und was man gerade ist. Und dass das eigene Alter völlig okay geht. Immer. Weil man alles was vorher war tat, um hierher zu gelangen. Und wenn „hierher“ am Termin X eben das Hier und Jetzt ist, dann geht das vielleicht auch in Ordnung. Was interessiert mich mein mentales Geschwätz von früher?

Ich sehe das doch schon bei unseren Cliquen-Kiddies: Um als Eltern durchzugehen, muss man auch nichts anderes machen als Kinder bekommen und das dann durchziehen. Die kommen sich auch nicht „alt genug“ vor, um „schon“ Kinder großzuziehen. Die machen’s einfach. Ist nicht einfach, aber muss sein. Dann passt das schon.

Erstaunlich, wo dieses Posting mich hingeführt hat: von einem eingehenden Fragezeichen zu einem relativ beruhigten „Dann passt das schon“. Netter Gedanke, den würde ich gerne festhalten. Mit dem würde ich mich heute abend gerne zudecken, damit die große Drei, die da in dieser Nacht an mich heranschleicht, gleich sieht, dass sie mich nicht (mehr) schocken kann. Dass ich meinen Frieden mit der Nummer gemacht habe. Dass das schon passt, irgendwie. Schon so richtig ist.

Den morgigen Tag habe ich mir schön vollgepackt, damit auch ja keine Grübelmomente auftreten können. Morgen wird gefeiert, nicht getrauert. Nicht gezweifelt. Ich hab‘ immerhin Geburtstag! Auch wenn ich seit einem Jahr erzähle, ich würde 29a.

Gleich bin ich 30. Alter Schwede, wer hätte das gedacht? Dass das so aussieht. So normal. Alltäglich. Man sollte meinen, da wäre mehr los. Da hinge mehr mit dran. Aber dem ist nicht so. Ich muss es wissen, ich bin schließlich hier.

Also los, dann noch schnell ein Glas auf die „wilden Zwanziger“. Das war eine schöne Zeit (die ich inhaltlich nach wie vor nicht als beendet ansehe). Ich bin heute schon ein deutlich anderer als vor zehn Jahren. Gut gemacht. Und jetzt den Countdown starten, die paar Reststunden noch runterzählen – heute gilt’s. Dabei bloß nicht die gute Stimmung wieder verlieren, und um Mitternacht sag‘ ich dann ehrlich und fröhlich:

Herzlichen Glückwunsch, ich alter Sack! Bin stolz auf dich.

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