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Ansichten eines Clowns

Saturday, Sept. 02, 2006 - 11:45

So. Freunde der fernen Heimat. Jetzt aber mal Butter bei die Fische.

Seit einiger Zeit zerbreche ich mir nun schon den Kopf darüber, wie ich meine derzeitige Berufs- und Lebenssituation, bedingt durch den mehr als spontanen Wandel im beruflichen Alltag von Anfang Juni, hier schriftlich festzuhalten. Zu beschreiben, zu ... erklären. (Nein, ich schreibe jetzt bewusst nicht "rechtfertigen").

Was damals vor ziemlich genau zwei Monaten passiert ist, ist eigentlich recht schnell erzählt: Man hat mich verscheissert. "Meine" alte Firma hatte zu Jahresbeginn ein paar neue Volontäre eingestellt. Im Zuge der Vertragsverhandlungen mit diesen kam mein Chef auch auf mich zu und meinte zu mir, dass "wir ja auch noch einen neuen Vertrag machen". Meiner war nämlich bis zum 30.06. befristet - was aber keine große Sache ist, da eine automatische Verlängerung ohnehin von beiden Seiten und von vornherein abgemacht gewesen war und man in diesem Betrieb seine Verträge sowieso in den seltensten Fällen schon zum Termin hat. War bei meinem letzten Vertrag genauso.
Als Cheffe dann also Anfang des Jahres mit der oben erwähnten Ansage auf mich zukam und ich ihm diese auch bestätigte, hielt ich das Thema für "intern erledigt" und den Rest nur noch für eine Formalität, die wir unter uns ausmachen würden, sobald wir mal ein wenig mehr Zeit hätten (Zeit war das, von dem man in dieser Firma nie was hatte).

So weit, so naiv. Als dann der Juni kam und ein Vertrag langsam mal geschrieben werden könnte, fuhr Cheffe für drei Wochen in Urlaub. Als er wiederkam, war es bereits der 29.06. In einem Vier-Augen-Gespräch teilte er mir an diesem Tag mit, dass er sich das mit der Vertragsverlängerung "nochmal überlegt" habe und der Meinung sei, dass mein Job im Prinzip auch von einem Studenten gemacht werden könnte. (Was beweist, wie wenig Detailblick der Mann hat.) Seine Schlussfolgerung: Er zahlt zuviel. Also bot er mir an, meine Arbeit mit einigen inhaltlichen Umstellungen zu behalten - dann aber für ein mehr oder weniger studentisches Gehalt und als Quasi-Freiberufler.

Diese inhaltlichen Umstellungen hätten in der fristlosen Kündigung eines meiner Teammitarbeiter resultiert (dessen Job ich dann noch mit übernommen hätte) und der Fokussierung meiner Arbeit einzig und allein auf das von mir seit 2,5 Jahren betreute Kino-Datenerfassungsprojekt. Dieses ist massiv (!!!!) zeitaufwendig und zeitsensibel und lässt einem während der drei Erfassungstage, also von Montag bis Mittwoch, keine Zeit für andere Arbeiten. Ich hatte an vielen Tagen nicht mal fünf Minuten Luft um aufs Klo zu gehen, geschweige denn den kompletten Job eines Teammitglieds noch zusätzlich zu übernehmen. Es hätte schon allein zeitlich nie funktioniert. (Meinen inneren Widerwillen, die Arbeitsstelle eines Mitarbeiters überflüssig zu machen, kommentierte er übrigens als mangelndes Konkurrenzbewusstein. Ich zitiere hier wörtlich: "Wenn ich einen Jagdhund einkaufe und den dann zur Jagd tragen muss, dann frage ich mich, ob ich da wirklich einen Jagdhund habe." Dieser Satz allein geht so ziemlich gegen alle persönlichen Überzeugungen meinerseits, den werde ich wohl nie vergessen.)

Zusätzlich bot er mir an, in Anbetracht der geldlichen Einbußen des neuen Angebots, meine Wochenstundenzahl flexibel einzusetzen. Heißt: Bekomme ich den Job in 30 Stunden hin, hat er kein Problem damit, wenn ich für den Rest der Woche wegbleibe. Nun habe ich meinen bisherigen Job schon in den seltensten Fällen in 45 Wochenstunden geschafft, eine Umstrukturierung und inhaltliche Aufstockung in geringerer Zeit abzuleisten schien und scheint mir völlig unmöglich. Und der Umkehrschluss seines Zeitangebotes war: Wenn ich 60 - x Wochenstunden für den Job brauche, ist ihm das ebenfalls schnurzegal. Hauptsache, die Arbeit ist gemacht.

Aus allen diesen Informationen zog ich im Laufe eines langen und grüblerischen Wochenendes den einzigen Schluss, den ich - und davon bin ich nach wie vor überzeugt - habe ziehen können. Ich erschien am Montag, 03.07., wieder im Büro, gab meinen Schlüssel ab, verabschiedete mich von den lieben Kollegen - und ging.

Und seitdem sitze ich hier. Zuhause. Und stütze mich auf meine alten Kontakte aus Freiberuflertagen. Auf meine journalistische Kenntnis und Schreibfreude. Baue Kontakte aus und neue auf. Akquise, Akquise, Akquise. Seit dieser Woche habe ich sogar eine "Firmenhomepage".

Nicht alles von dem, was ich so den ganzen Tag über mache, bringt mir Geld ein. Längst nicht. Ohne staatliche Subventionen wäre hier bisher (noch?) schnell Schicht im Schacht. Und nicht immer beende ich den Arbeitstag mit dem Gefühl, dass das heute auch wirklich was gebracht, dass es mich freiberuflich voran gebracht hat. Nicht selten kann man wenig tun außer zu warten. Und zu hoffen, dass die ausgestreuten Ideen und Konzepte mit positivem Feedback zurückkommen - und dass im Zuge davon auch mal der ein oder andere Euro abfällt.

Aber bisher fühle ich mich wohl dabei. Es passieren Dinge. Projekte schreiten voran, und ich bin mittendrin. Nicht immer. Und auch nicht immer enden die Projekte wirklich in ihrer Realisierung. Aber das ist normal, das gehört dazu.

Ich habe lange überlegt, wie ich meine momentane Stimmungslage wohl halbwegs nachvollziehbar hier festhalten kann. Wie ich irgendjemandem erklären kann, warum das gut ist, wie es ist. Warum ich nicht darüber verzweifle, sondern im Gegenteil die Situation nach wie vor als die Chance sehe, von der ich die letzten vier Jahre geträumt habe. Ich habe lange überlegt, aber der Kollege Spließ hat's aufgeschrieben. Falls Ihr nach dieser ellenlangen Einleitung meinerseits (sorry, aber das musste einfach mal raus) also immer noch leselustig seid und zudem erfahren wollt, was ich mit diesem Posting eigentlich sagen will, dann verweise ich sehr gerne auf diesen Text hier. Von kleineren persönlichen Abstrichen abgesehen, kann ich den vollstens unterschreiben. Genauso geht's mir auch.

Und das ist gut so.

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