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Jack Bauer in Guantanamo

Monday, Aug. 14, 2006 - 10:13

Der Fluch des Couch Potatoes: Sobald mir eine neue Serie ins Haus flattert, die dann auch noch was taugt, bin ich angefixt. Neue Staffel 24? Gib' mir zwei Wochen. Lost? Gib' mir ... sagen wir mal ... zehn Tage. Battlestar Galactica ... kannste morgen wiederhaben. Furchtbar sowas, das kann man schon als Sucht bezeichnen.

Momentan heißt meine Droge der Wahl "The Shield", eine US-Polizeiserie, die meines Wissens vor einigen Jahren schonmal im Kabel 1-Spätprogramm jämmerlich den Quotentod starb, in naher Zukunft aber wiederkommen soll. Hab' ich zumindest irgendwo gelesen. Und "The Shield" hat, nach anfänglicher Skepsis, bei mir mal wieder zu exzessiven DVD-Abenden geführt. Vier Folgen am Stück ist da gar nix. Wie gut, dass die Staffel nur zwölf Folgen hat, dann bin ich schnell wieder ein freier Mann. (Ich denke mit Grausen an meinen Nachbarn M., der sich letzte Woche innerhalb von vielleicht fünf Tagen drei ganze Staffeln von "The Sopranos" angetan hat. Gibt's eigentlich Entzungsprogramme für Serienjunkies?)

In "The Shield" geht es um ein Polizeirevier in Los Angeles und seine illustren Bewohner, allen voran der leading man Vic Mackey, der dort die Special Task Force leitet, also das Sondereinsatzkommando für die ganz harten Fälle. Mackey kennt sich aus in der Gegend und, so hat man oft das Gefühl, versteht sich mit den Gangs auf der Straße mitunter besser als mit seinen Kollegen vom Revier. Natürlich argumentiert er gerne, dass er diese street credibility braucht, um seinen Job so effizient wie möglich zu erledigen. Tut er auch. Aber nebenbei fällt auch gerne mal das ein oder andere Kilo Rauschgift für ihn ab - als Altersvorsorge. In der Folge, die ich gestern abend gesehen habe, hat die Special Task Force bei einer Razzia den falschen Kerl erschossen und dem dann, da unbewaffnet, dämlicher Weise auch noch 'ne Waffe untergejubelt. Diese musste später aber wieder verschwinden, bevor die lieben Kollegen vom Revier dies entdecken - und so überfielen (!) Mackey und seine Jungs, als Gangmitglieder getarnt, mal schnell den Polizeitransporter, der die konfiszierten Beweisstücke aus dem Revier bringen sollte.

Ist natürlich alles unterhaltsam, rechtschaffend spannend und um Lichtjahre besser als der ewig gleiche CSI-Müll, den wir hierzulande allwöchentlich nicht einschalten. Aber auch bedenklich. In "The Shield" greift der olle Nietzsche total; von wegen in Abrgund schauen und der schaut zurück. Und da ist es nicht verwunderlich, dass die Polizeibeamten zum Zwecke der Wahrheitsfindung Verdächtige auch gerne mal prügeln, foltern, drohen, pimpern (!) oder sogar vollstrullern. Im Rahmen einer Fernsehserie hab' ich zumindest auch kein Problem damit, immerhin handelt Jack Bauer auch nicht anders, wenn er mal wieder einen von der Serie schon allein durch seine Rassenzugehörigkeit als bad guy charakterisierten Araber vor sich im Verhandlungsraum sitzen hat.

Aber wenn man sich das so anschaut und bedenkt, dass Serien wie "The Shield" und "24" derzeit in USA zu den Quotenstars gehören, kommt man schon ins Grübeln, warum sich dort verhältnismäßig wenige Leute über Guantanamo u.ä. aufregen: Foltern von, wenn auch nur vermeintlich Schuldigen zum Zwecke der Wahrheitsfindung? Kein Thema, das muss sein. As seen on TV. Hätte Jack Bauer das nicht getan, hätte Habib Marwan doch sämtliche Atomkraftwerke der USA zur Kernschmelze gebracht.

Es sind diese Soft Skills, die unterbewusst von vermeintlichen Freizeitbereichen des Lebens wie TV-Serien transportiert und im Idealfall sogar vermittelt werden, welche unsere Gesellschaft mitverändern. Aber wenn jemand das Bild einer Colaflasche in einen Hollywoodfilm schneidet, nennt man das unterschwellige Werbung und verbietet es.

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