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Loose Change - Loose Brain?

Thursday, Aug. 03, 2006 - 12:20

Man sagt ja, das Dumme an der Meinungsfreiheit sei, dass auch die Dummen ihre Meinung sagen düften. So weit will ich gar nicht gehen, aber was ich soeben gesehen habe, war in weiten Teilen schon mehr als unglücklich. Wenn nicht sogar geschmacklos.

Ich rede hier von "Loose Change", einer amerkianischen Filmproduktion, die ein paar Jungs zusammengezimmert haben (in erstaunlich professioneller Bild- und Tonqualität) und die derzeit durchs Internetz geistert. Selbst Spiegel Online war sich nicht zu fein, dem Film einen Artikel zu widmen, wodurch die Hits auf Seiten, die den Streifen zur Verfügung stellen, auch hierzulande wieder massiv gestiegen sind.

Bevor ich meinen "gerechten Zorn" über die Produktion regnen lasse, hier kurz was zum Thema: Der 22-jährige Macher von "Loose Change" hatte ursprünglich vor, gemeinsam mit ein paar Kumpels eine Filmfiktion zu drehen, in der er und seine Clique die Anschläge vom 11. September zu verhindern versuchen. Das ganze Teil hätte ein spaßiger Film für den Heimgebrauch werden sollen, für niemanden sonst. Bei der Recherche fürs Drehbuch aber ist ihm aufgefallen, wie viele unbeantwortete Fragen die Untersuchungen zu den damaligen Geschehnissen bis heute liefern. Da kam er ins Grübeln und war schon bald der Ansicht, sein fiktiver Film sei gar nicht mehr nötig - die "Realität" sei abenteuerlich genug. Und so wurde "Loose Change" ein Dokumentarfilm (man könnte auch sagen "Räuberpistole", aber ich wollte meinen Zorn ja für später aufheben) über all die unbeantworteten Fragen und vermeintlichen Fakten.

Ich will dem Film nicht soviel Unrecht tun, hier die "Beweise" außerhalb ihres Kontextes zu nennen. Es macht schon Spaß zu sehen, wie sich der Off-Erzähler des Films von einem Tatsachenbericht zum nächsten manövriert und daraus letztendlich seine Theorien formuliert. Aber eine sei mir stellvertretend gegönnt: United 93, der Flieger, der von den Passagieren zum Absturz gebracht wurde, bevor er Washington erreicht hat (die Chose wurde unlängst auch sehr erfolgreich verfilmt), hat nicht stattgefunden, so "Loose Change". United 93 ist lange vor dem vermeintlichen Absturz in Cleveland, Ohio sicher gelandet (dies behauptet der Film nicht einwach, er kann es tatsächlich belegen!!). Was aus Crew und Passagieren wurde, weiß er nicht. Fakt sei aber - und darauf deute auch die vermeintliche Absturzstelle hin, die weltweit von Experten als "Alles, nur keine Absturzstelle" bezeichnet wurde -, dass es ja Telefonanrufe der Passagiere von U93 an ihre Familien gegeben habe, bis kurz vor dem vermeintlichen Absturz. Nun, fragt sich der Film, wie geht das an, wenn doch die Passagiere auf einem Flughafen in Cleveland saßen? Ganz einfach: Die US-Regierung - und auch dies kann der Film belegen! - verfügt über "voice morphing technologies".

Ooookay, seid ihr noch da? Die Frage ist berechtigt. Als ich die Stelle des Films gesehen habe, musste ich erstmal pausieren und mich wieder sammeln - so ein Lachanfall kann die Konzentration schon massiv beeinträchtigen...

Nun gut, kommen wir zu dem versprochenen Zorn-Teil dieses Postings. Zuerst einmal: Es ist dem Film einiges hoch anzurechnen. Die Produktion verweist selbst darauf, man solle nichts von dem gezeigten einfach glauben, sondern selbst zu recherchieren (wohl wissend, dass man ja nur zu ähnlichen Schlüssen kommen könne). Zweitens: Die Produktion verweist mehrfach nachdrücklich darauf, dass 9-11 der amtierenden US-Regierung seeeehr zurpass kam, um damit Afghanistan, Irak, Patriot Act, Homeland Security und noch so einiges an anderen Aktionen locker-flockig zu legitimieren, die ohne diesen Kontext nicht machbar gewesen wären. Punkt drei: Der Film ruft die US-Bürger vehement und leidenschaftlich dazu auf, sich diesen Irrsinn nicht länger bieten zu lassen, sich zu informieren und dann doch bitteschön die Konsequenzen aus dieser Verladenummer zu ziehen, die das Weiße Haus da abzieht. All dies sind sehr löbliche und auch in meinen Augen generell zumindest schonmal korrekte Dinge. Aaaaber...

... es ist doch eine Zumutung, in Anbetracht von so viel Elend von einem Hoax zu reden. Man beachte: nicht (nur) von einer gezielten Aktion in Eigenregie, sondern von einer Fälschung. So "beweist" der Film einerseits, dass der letztliche Einsturz des World Trade Centers aufgrund von Sprengsätzen geschah, die sich im Innern der Gebäude befanden - nicht als Folge der Flugzeugeinschläge. Und er "beweist" andererseits, dass United 93 eine Fälschung war, dass im Pentagon nie ein Flugzeug (sondern eine Cruise Missile) gelandet ist und dass die Flugzeuge, die das WTC trafen, nicht die waren, die als solche gemeldet wurden.

Es ist imho eine Sache, anderen Leuten Sachschaden in die Schuhe zu schieben. Geschenkt. Von mir aus sollen die USA die Türme doch gesprengt haben. Nicht, dass ich daran glaube, wohlgemerkt - aber das kann ich noch problemlos als Phantasie der Filmemacher abtun. Aber die ganzen Toten der Flugzeugentführungen als Unecht hinzustellen? Als großangelegte, mediale Verscheisserung des Publikums UND DER ANGEHÖRIGEN?

Ich glaub', es geht los...

Bei derartigen Theorien hätte sich sogar Fox Mulder eine von Scully eingefangen, und der hat seinerzeit doch ohnehin so ziemlich alles geglaubt. Das ist Dittsche-Wissen, hergottnochmal! Das kann man doch nicht ernst nehmen.

Man verstehe mich nicht falsch: "Loose Change" dauert 81 Minuten, und in dieser Zeit wird man gut und ansprechend unterhalten. Und seine Abhandlungen über 9-11 sind mir tausendmal lieber als alles, was Michael Moore zu dem Thema absondert (weil "Loose Change" sein Publikum nicht manipuliert, wie es Moore so gerne tut). Aber wenn man sich den Film so ansieht, wünscht man sich doch ehrlich Nessie zurück. Bei der war man sich zwar auch sicher, Stuss zu lesen, doch bezog sich dieser Stuss auf das Loch Ness-Monster alleine - und nicht auch noch auf unzählige Tote.

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